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Unterwegs mit der Meisterklasse

Noch mehr Österreich

Neben den bereits vorgestellten Betrieben Erich Stekovics und Franz Tappauf hielt die Exkursion der Fachschüler aus Fürth noch weitere Ziele in Österreich bereit.

von Lucia Gigler erschienen am 02.05.2026
Spinat-Vollernter trifft Reisebus: Die Dimensionen der Erntemaschine überraschten sogar den Busfahrer der Reisegruppe aus Fürth. © Julian Wendt
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Besonders außergewöhnlich und vielfältig zeigte sich die Produktpalette der Bio-Gärtnerei Unger Blumen in Wallern im Burgenland. Der Betrieb hat sich auf Nischenprodukte spezialisiert. Neben der Jungpflanzenproduktion, dem Kerngeschäft der Gärtnerei, wurde das umfangreiche Zierpflanzenangebot in den vergangenen Jahren zunehmend um Gemüsekulturen ergänzt. Auf 15 ha Freilandfläche wird Trockenreis kultiviert, daneben zählen auch Kürbiskerne, Chia und Quinoa zum Sortiment. Betriebsleiter Erwin Unger stellte zudem seine Garnelenzucht vor und sein selbst entwickeltes Heumulch-Produkt für Hobbygärtner: Das Heu wird zu Pellets gepresst verkauft und quillt – im Garten verstreut und bewässert – zu einer flächigen Mulchschicht auf. Der Gärtner erfindet sich und seinen Betrieb laufend neu. Kein Aufwand ist zu hoch, keine Idee zu ausgefallen – solange persönliche Neugier und Nachfrage zusammenpassen, wird es bei Unger Blumen einfach gemacht.

Eine große Zierpflanzenvielfalt wartete bei Unger Blumen in Wallern.
Eine große Zierpflanzenvielfalt wartete bei Unger Blumen in Wallern. © Julian Wendt

Niederösterreich

In Niederösterreich besichtigte die Gruppe die 5.000 m2 umfassende ganzjährige Pilz-Produktion des Betriebs Marchfelder Bio-Edelpilze. Neben ihrer Beteiligung an der Pilzproduktion bewirtschaftet Familie Edlinger-Theuringer 300 ha Fläche mit Fokus auf landwirtschaftliche Kulturen und Zwiebeln, darunter ein Drittel Bio-Anbauflächen. Erdbeeren im geschützten Anbau und Spargel ergänzen das Sortiment. Ähnlich wie Stekovics im Burgenland zeigt auch der Betrieb Edlinger, dass sich direkte und indirekte Vermarktung nicht ausschließen, sondern hervorragend ergänzen können. So werden die Massenprodukte hier indirekt, die Nischenkulturen Kräuterseitlinge, Spargel und Erdbeeren dagegen direkt vermarktet.

Edlingers Bio-Kräuterseitlinge wachsen in langlebigen Kunststoffgefäßen.
Edlingers Bio-Kräuterseitlinge wachsen in langlebigen Kunststoffgefäßen. © Julian Wendt

Ein noch größerer Betrieb mit starker Sonderkultur in Marchfeld ist Zehetbauer Fertigrasen mit insgesamt 700 ha Fläche, darunter 150 ha Rollrasen. Endlose Weiten perfekter, dichter, saftig-grüner Rasenflächen erstreckten sich vor den Fachschülerinnen und -schülern, während sie aus der Ferne beobachteten, wie die Erntemaschinen streifenweise Rasenstücke herausschnitten und aufrollten. Rollrasen ist ein lukrativer Geschäftszweig, der mit nur etwas über 20 % der Anbaufläche den Mammutanteil der Umsatzerlöse einspielt.

Sauber abgeschält und aufgewickelt: Rollrasen-Ernte im Betrieb Zehetbauer Fertigrasen.
Sauber abgeschält und aufgewickelt: Rollrasen-Ernte im Betrieb Zehetbauer Fertigrasen. © Julian Wendt

Der Gemüsebau nimmt etwa genauso viel Fläche ein, wobei der Großteil biologisch bewirtschaftet wird. Die Bewässerung der konventionellen Zwiebelkultur erfolgt mit Tropfschläuchen, die zudem zur regelmäßigen Flüssigdüngung mit Spurennährstoffen genutzt werden. Bio-Sellerie wächst währenddessen in Insitu-Mulch: Gepflanzt wird mit dem Mulch-Tec-Planter von Johannes Storch in abgemulchten Wickroggen, auf den zusätzlich Transfermulch im Verhältnis 2:1 aufgebracht wird. Trotz vier Wochen späterer Pflanzung werden die Knollen zum selben Zeitpunkt erntereif wie die konservativ in offenem Boden kultivierten Pflanzen.

Viele hinterfragen die in der Branche etablierten Systeme vom Anbau bis zur Vermarktung Lucia Gigler

Im Kontrast dazu stand die nur 2,4 ha große SoLaWi des Gärtnerhofs Distelfink in St. Andrä-Wördern. Neben der Kultivierung von mehr als 50 verschiedenen Gemüsearten, die ihre Abnehmer vorwiegend über das Abokistensystem finden, vermehrt der Betrieb jährlich über 220 Kräuter, Blühstauden und Wildpflanzen, die ab Hof verkauft werden. Angesichts dieser enormen Vielfalt und Komplexität staunte die Gruppe nicht schlecht über das Organisationstalent der zwei Betriebsleiter, denen es durch gute Strukturierung der Arbeitsabläufe gelingt, die Freilandflächen und Folienhäuser optimal zu bewirtschaften. Die vielen überwiegend heimischen Stauden wachsen in Saumstrukturen als Rückzugsorte für diverse Insekten direkt am Betrieb und dienen so gleichermaßen der Artenvielfalt vor Ort und der Vermehrung für den Verkauf.

Heimische Stauden-Vielfalt, Kräuter und Gemüse in Reih und Glied am Gärtnerhof Distelfink.
Heimische Stauden-Vielfalt, Kräuter und Gemüse in Reih und Glied am Gärtnerhof Distelfink. © Julian Wendt

Oberösterreich

Die letzten Tage der Studienreise führten nach Oberösterreich, wo die Klasse im modernen Biobetrieb Achleitner die Gemüseproduktion und Logistik eines großen Abokistensystems mit 8.000 bis 10.000 Gemüsekisten pro Woche kennenlernte. Hier reichen sich traditionelle Kulturtechnik und modernste Technologie die Hand – von der Kompostierungsanlage bis zur kameragesteuerten Hacktechnik.

Auf dem konventionellen Betrieb Kraxberger erlebte die Reisegruppe dagegen wieder einen einfach strukturierten Betrieb mit schmalem Sortiment, Fokus auf traditionellen, hochfunktionalen Lösungen Marke Eigenbau ohne technologischen Schnickschnack und einer sehr persönlichen Kundenkommunikation: offen und aufrichtig, in guten wie in schlechten Zeiten.

Bewährtes hinterfragen

Den besuchten Betrieben in Österreich scheint der Blick über den Tellerrand hinaus mit einer Leichtigkeit zu gelingen, welche die Gäste aus Deutschland begeisterte. Viele hinterfragen die in der Branche etablierten Systeme vom Anbau bis zur Vermarktung und finden vielfach eigene, individuell bessere Lösungen. Dies gelingt ihnen nicht zuletzt mithilfe der österreichischen Verbraucher, die bereit sind, für hochwertige, regionale oder besondere Nahrungsmittel auch etwas mehr zu bezahlen. Allerdings gibt es dieses Privileg nicht umsonst – die österreichischen Gärtnereien unternehmen vielfach hohe Anstrengungen in der Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit, um den Verbrauchern den Mehrwert ihrer Produkte zu vermitteln. Gärtnereien, Einzelhandel und Politik arbeiten dabei oft Hand in Hand. Gemeinsam erreichen die Österreicher so immerhin noch einen Selbstversorgungsgrad in Höhe von 55 % im Gemüsesektor – satte 18 Prozentpunkte mehr als Deutschland.

Die Strategien der besichtigten Betriebe waren so vielfältig wie individuell und die meisten würden als exakte Kopie anderswo nicht funktionieren. Doch sie inspirieren dazu, Grundsätze zu hinterfragen, Denkblockaden zu lösen, die Chancen und Herausforderungen des eigenen Betriebs zu analysieren und ihnen mit kreativen Ideen zu begegnen. Sie geben Mut, mit Konventionen zu brechen, und zeigen, dass sich manchmal sogar Schwächen in Stärken verwandeln lassen.

Organisiert wurde die Exkursion von Andreas Schmitt, Staatliche Fachschule für Agrarwirtschaft, Fachrichtung Gartenbau, Fachgebiet Gemüsebau, Fürth.

Autor:in
Lucia Gigler
Fachschülerin an der Staatlichen Fachschule für Agrarwirtschaft, Fachrichtung Gartenbau, Fachgebiet Gemüsebau, Fürth
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