
Gemüse nachhaltig verpackt
An der Hochschule Geisenheim wurde untersucht, wie Verbraucher auf nachhaltige Verpackungslösungen blicken.
von Prof. Dr. Kai Sparke, Amira Amin erschienen am 02.04.2026Über 220 kg Verpackungsmüll fallen laut Umweltbundesamt in Deutschland jährlich pro Person an, Tendenz leicht sinkend, allerdings nach einem deutlichen Anstieg in den vergangenen Jahrzehnten. Einer der Gründe für das enorme Verpackungsaufkommen ist, dass auch frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse immer mehr abgepackt angeboten werden. Eine NABU-Studie aus dem Jahr 2019 ergab, dass frisches Obst und Gemüse in Deutschland zu 60 % (nach Gewicht) vorverpackt verkauft werden. Kunststoff ist sowohl bei Gemüse als auch bei Obst das dominierende Material mit einem Anteil von 64 %.
Verbraucher unter der Lupe
Das Schaffen nachhaltiger Verpackungslösungen ist zu einem zentralen Handlungsfeld für Unternehmen der Lebensmittel- und Verpackungsindustrie geworden. Steigende regulatorische Anforderungen, wachsender gesellschaftlicher Druck und der Wettbewerb um Marktanteile haben dazu geführt, dass sich Produzenten und Händler intensiv mit alternativen Verpackungskonzepten auseinandersetzen. Aber dafür sind technische Machbarkeit und ökologische Bilanz allein nicht ausreichend. Auch die Perspektive der Verbraucher sollte berücksichtigt werden, um Lösungen zu entwickeln, die nicht nur nachhaltig sind, sondern auch akzeptiert und tatsächlich genutzt werden. An dieser Aufgabe wird im Rahmen des vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) geförderten Projekts „Pack-An“ an der Hochschule Geisenheim gearbeitet.
Um die Verbraucherseite besser zu verstehen, wurden im Februar 2024 zwei moderierte Fokusgruppendiskussionen mit insgesamt 15 Konsumenten durchgeführt. Die Zusammensetzung der Gruppen war bewusst heterogen gestaltet, um ein möglichst breites Spektrum an Konsumhaltungen und Lebenssituationen abzubilden. Insgesamt nahmen neun Frauen und sechs Männer teil, gleichmäßig verteilt auf drei Altersgruppen: unter 30 Jahre, zwischen 31 und 50 Jahre sowie über 50 Jahre. Auch hinsichtlich der Haushaltsstruktur wurde auf Vielfalt geachtet: Ein-Personen-Haushalte, Wohngemeinschaften, Zwei-Personen-Haushalte und Mehrpersonenhaushalte mit Kindern waren vertreten. Diese Struktur ermöglichte eine differenzierte Analyse von Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozessen in unterschiedlichen Alltagskontexten.
Ziel war es, qualitative Einsichten in Einstellungen, Wahrnehmungen und Nutzungsroutinen in Bezug auf Lebensmittelverpackungen zu gewinnen – mit besonderem Fokus auf Nachhaltigkeitsaspekte entlang der gesamten „Consumer Journey“, also von der Kaufentscheidung bis zur Entsorgung. Nachfolgend werden hauptsächlich die Erkenntnisse mit Bezug zu frischem oder verarbeitetem Gemüse dargelegt, wenngleich die Studie Lebensmittel insgesamt zum Thema hatte.
Verpackungsmüll als Herausforderung auch für Verbraucher
Zur thematischen Einstimmung wurde den Teilnehmenden aktuelles Datenmaterial zum Verpackungsabfall in Deutschland präsentiert. Die anschließende Diskussion offenbarte ein hohes Problembewusstsein hinsichtlich der Zunahme von Verpackungsmüll – aber auch unterschiedliche Vorstellungen über die zugrundeliegenden Ursachen. Viele Teilnehmende führten die steigende Verpackungsmenge auf eine zunehmende Bequemlichkeitsorientierung zurück. Besonders Haushalte mit nur einer oder zwei Personen greifen vermehrt zu fertig portionierten oder einzeln verpackten Lebensmitteln, um Zeit zu sparen oder Verderb zu vermeiden. Diese Convenience-Mentalität wurde durch die Covid-19-Pandemie und gestiegene Hygieneanforderungen zusätzlich verstärkt.
Verbraucher sehen die Hauptverantwortung bei Industrie und Politik Prof. Dr. Kai Sparke
Einen weiteren Faktor sah man in der Globalisierung von Lieferketten. Importierte oder empfindliche Waren erfordern oft mehrschichtige Schutzverpackungen, um Transportverluste zu vermeiden und lange Haltbarkeit zu gewährleisten. Auch ästhetische Aspekte spielten eine Rolle: Verpackungen werden häufig überdimensioniert, um im Regal Aufmerksamkeit zu erregen – ein Umstand, der von vielen kritisch hinterfragt wurde.
Weiterhin wurde eine zunehmende Produktdiversität als problematisch beschrieben. Die Vielzahl an Produktvarianten – etwa bei Joghurt oder Tomaten – führt auch zu größerer Verpackungsvielfalt mit entsprechend höherem Verpackungsverbrauch. Insbesondere in Kombination mit demografischen Trends wie dem Anstieg an Einpersonenhaushalten verschärft sich das Missverhältnis zwischen Produktmenge und Verpackung.
In der Frage nach Verantwortung wurde deutlich, dass die Verbraucher zwar eigene Konsumentscheidungen reflektieren, jedoch die Hauptverantwortung bei Industrie und Politik sahen. Viele Teilnehmer forderten eine konsequentere Regulierung, etwa in Form verbindlicher Vorgaben zu Monomaterialien, Pfandsystemen oder Kennzeichnungspflichten. Diese Regulierung ist inzwischen da. Die neue europäische Verpackungsverordnung (PPWR) setzt verbindliche Vorgaben:Ab 2030 sind Kunststoffverpackungen für Obst und Gemüse unter 1,5 kg verboten – es sei denn, die Verpackungen sind nachweislich wiederverwendbar oder recyclingfähig.
Nachhaltigkeit entlang der Nutzungskette
Ein zentrales Ziel der Fokusgruppen war es, die Interaktion von Konsumenten mit Verpackungen entlang der gesamten Nutzungskette – von der Kaufentscheidung bis zur Entsorgung – detailliert zu analysieren. Die Erkenntnisse zeigen, dass Verbraucher Nachhaltigkeit nicht als isoliertes Kriterium wahrnehmen, sondern als Bestandteil eines funktionalen Gesamterlebnisses.

- Beim Einkauf waren vorwiegend die Sichtbarkeit des Produkts, die Verpackungsgröße, das Gewicht sowie die Wiederverwendbarkeit oder Wiederverschließbarkeit relevant. Verpackungen, die zu viel Luft enthalten oder optisch einen höheren Inhalt suggerieren, wurden negativ bewertet. Auch Aspekte wie Schädlingsresistenz und sensorische Unverfälschtheit (etwa kein „Plastikgeschmack“) flossen in die Bewertung ein. Für Frischgemüse kann es bedeuten, dass erkennbare Kondensflüssigkeit in einer Verpackung wie bei Speisepilzen oder stark vertrocknete Enden bei Spargelstangen die Kaufwahrscheinlichkeit vermindern.
- Beim Transport stand die Stabilität im Vordergrund: Verpackungen sollten leicht, aber gleichzeitig robust genug sein, um Beschädigungen auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause zu vermeiden (insbesondere bei empfindlichem Frischgemüse wie Tomaten oder Avocados). Das Material sollte zudem möglichst keine Verfärbungen aufweisen, da diese als Indikator für mangelnde Qualität wahrgenommen werden.
- In der Lagerung wurden Kriterien wie Stapelbarkeit, Frischeerhalt und Platzersparnis hervorgehoben. Starre oder unhandliche Verpackungen, die sich schlecht in Kühlschrank oder Vorratsschrank integrieren lassen, wurden als störend empfunden. Explizit angesprochen wurde als Sonderfall Brokkoli, da bei diesem Produkt die Folienverpackung während der Lagerung die Qualität verschlechtert, anstatt sie zu erhalten.
- Beim Öffnen der Verpackung wünschten sich viele Teilnehmer ein sicheres, sauberes und möglichst werkzeugfreies Handling. Verpackungen sollten sich vollständig und ohne Rückstände entleeren lassen, was für viele auch ein Hygienefaktor war. Hier ist beispielsweise an Gemüsesäfte oder passierte Tomaten zu denken.
- Beim Portionieren spielte die Möglichkeit zur präzisen Dosierung eine Rolle. Teilnehmende äußerten den Wunsch nach Messhilfen oder Aufdrucken mit Portionsangaben. Gleichzeitig wurde übermäßiger Verpackungsmüll bei Einzelportionen kritisch hinterfragt. So mancher Tiefkühlgemüsehersteller bietet hier mit lockerer Ware (zum Beispiel bei Spinat) gute Lösungen in puncto Portionierbarkeit, sodass insgesamt größere Verpackungseinheiten gewählt werden können.
- Beim Wiederverschließen wurden funktionierende Verschlussmechanismen erwartet – etwa wiederverschließbare Folien, Deckel oder Clips –, um Produkte vor dem Austrocknen oder Verderben zu schützen. Auf den Gemüsebereich bezogen, könnten etwa Fresh-Cut-Salate dadurch aufgewertet werden.
- In Bezug auf die Entsorgung wurde vor allem die mangelnde Transparenz beklagt. Viele Verpackungen enthalten keine klaren Hinweise zur richtigen Trennung oder bestehen aus Verbundstoffen, die die Wiederverwertung erheblich erschweren. Der Wunsch nach standardisierten, gut verständlichen Symbolen sowie einem besseren Bildungssystem im Bereich Abfalltrennung war klar erkennbar.
Was Verbraucher unter nachhaltiger Verpackung verstehen
Im nächsten Schritt wurden die Teilnehmenden gebeten, ihre persönliche Definition von „nachhaltiger Verpackung“ zu formulieren. Die zentralen Merkmale waren Materialeffizienz, Recyclebarkeit, Wiederverwendbarkeit und Umweltverträglichkeit. Besonders häufig wurde der Wunsch nach einer Reduktion unnötiger Umverpackungen geäußert. Verpackungen sollten so konzipiert sein, dass nur das nötigste Material zum Schutz und zur Haltbarkeit des Produkts verwendet wird. Einfache, funktionale Verpackungen wurden deutlich bevorzugt.
Als besonders nachhaltig wurden Monomaterialien angesehen, da sie die Trennung und das Recycling erheblich erleichtern. Kunststoffverpackungen aus nur einem Polymer oder vollständig papierbasierte Lösungen wurden als praxistauglicher eingeschätzt als aufwendig laminierte Verbundstoffe. Auch Mehrwegsysteme – insbesondere bei Glasverpackungen – fanden Zustimmung, wenngleich einige auf den hohen Energieverbrauch und das Gewicht als mögliche Schwachpunkte hinwiesen. Dennoch galt Glas als Symbol für Transparenz, Wiederverwendbarkeit und Materialwertigkeit.
Recycelbar heißt nicht, dass daraus wieder Verpackung wird Ein Teilnehmer aus der Fokusgruppe
Interessanterweise spielten auch nostalgische Aspekte eine Rolle: Einige Teilnehmer erinnerten sich an frühere Verpackungslösungen wie Wachspapier oder Bienenwachstücher, die sowohl funktional als auch umweltfreundlich gewesen seien. Diese Rückgriffe zeigten, dass nachhaltige Verpackung nicht zwangsläufig eine Hightech-Lösung sein muss, sondern auch durch Rückbesinnung auf einfache Prinzipien erfolgen kann.
Kritisch gesehen wurde die Diskrepanz zwischen dem Label „recycelbar“ und der tatsächlichen stofflichen Wiederverwertung. Mehrere Teilnehmer äußerten den Verdacht, dass ein Großteil vermeintlich nachhaltiger Verpackungen letztlich verbrannt oder downgecycelt werde. Ein Teilnehmer brachte es auf den Punkt: „Recycelbar heißt nicht, dass daraus wieder Verpackung wird – sondern dass es theoretisch irgendwo recycelt werden könnte.“
Praktische Bewertung von Verpackungsbeispielen
Im interaktiven Teil der Gruppenarbeit erhielten die Teilnehmenden die Möglichkeit, reale Verpackungsbeispiele aus verschiedenen Produktkategorien zu bewerten. Dabei wurde mit farbigen Markierungen zwischen positiven (grün) und negativen (rot) Nachhaltigkeitsmerkmalen unterschieden.

Positiv bewertet wurden allgemein Verpackungen, die klar verständliche Recyclinghinweise enthielten, aus Monomaterialien bestanden, sich gut wieder verschließen ließen und möglichst wenig Raum einnahmen. Auch durchdachte Portionierungshilfen oder integrierte Zusatzfunktionen wurden gelobt. Kritisch betrachtet wurden hingegen Verpackungen mit mehreren Schichten, schlecht lesbaren Informationen, nicht trennbaren Materialien und übermäßiger Größe. Auch vermeintlich nachhaltige Lösungen wie Tetra Paks wurden hinterfragt – insbesondere aufgrund ihres komplexen Aufbaus.
Die Diskussion zeigte exemplarisch, wie vielschichtig die Bewertung von Verpackungen durch Konsumenten ist. Selbst Materialien wie Glas wurden ambivalent gesehen: einerseits als nachhaltig durch Wiederverwendbarkeit, andererseits als schwer, energieintensiv und unpraktisch. Die Entscheidung für oder gegen eine Verpackung wird somit stets im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Alltagstauglichkeit getroffen.
Umsetzung in einer Informations- und Bewertungsplattform
Die Erkenntnisse aus den Fokusgruppen wurden genutzt, um eine digitale Plattform im Projekt „Pack-An“ verbrauchergerecht zu gestalten. Das Ziel des Projektes ist die Entwicklung einer Bewertungs- und Informationsplattform zur Förderung der Verwendung nachhaltiger Verpackungslösungen in der Lebensmittelwirtschaft unter Berücksichtigung der Haltbarkeit von Lebensmitteln und der Lebensmittelverschwendung. Die in den Gruppendiskussionen identifizierten Kriterien resultieren beispielsweise darin, dass Plattformnutzer eine individuelle Produktauswahl auf Basis von Filtern erhalten. Dabei werden funktionale Anforderungen entlang der Consumer Journey ebenso berücksichtigt, wie subjektive Nachhaltigkeitsansprüche.














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